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LHG-Forderungskatalog zur Neugestaltung des Hochschulwesens in den fünf ostdeutschen Bundesländern

 Dieser Beschluss wurde durch einen Beschluss der 25. ordentlichen Bundesmitgliederversammlung des LHG von 07.07 bis 09.07.2015 in Jena aufgehoben.

1) VERFASSTE STUDENTENSCHAFT

Die Verfaßte Studentenschaft muß ‑ neben Baden‑Württemberg und

Bayern ‑ in den neuen Bundesländern gesetzlich verankert werden.

Die Studentische Selbstverwaltung ist ein wesentlicher Bestandteil der Autonomie der gesamten Hochschule ‑ Freiheit der Forschung und Lehre muß auch einhergehen mit der Freiheit zur größtmöglichen Eigenverantwortlichkeit und Selbständigkeit. Nachdem die FDJ vierzig Jahre lang des Monopol der studentischen Interessenvertretung innehatte, muß sich nun eine Vielfalt der studentischen Gruppen und hochschulpolitischen Überzeugungen etablieren können.

Der miserable Ausrüstungs‑ und Erhaltungszustand der Hochschulen der ehemaligen DDR muß schnellstmöglich behoben werden. Hier können über Sonderprogramme zur Versorgung mit den dringendsten Lehrmitteln (technisches Gerät, Bücher ..) hinaus nur langfristige hohe Finanzzusagen Abhilfe schaffen. Als Beispiel praktischer Hilfe von westlicher Seite sind Hochschulpartnerschaften praktikabel, die z.B. die Versorgung mit Fachliteratur oder gar nach dem Modell der „fliegenden Fakultäten“ die Aufgabe der Lehre für ganze, in sich geschlossene Studiengänge übernehmen. Zur Entlastung des Lehrpersonals sollte der wissenschaftliche Mittelbau im Osten stärker gefördert werden. Die durch die Vergangenheit relativ unbelasteten wissenschaftlichen Mitarbeiter sollten im wechselseitigen Austausch mit dem Mittelbau aus dem Westen in ihrer Laufbahn gefördert werden. Nur klare Perspektiven für die Personengruppe verhindern die übemmäßige Abwanderung an westliche Universitäten. Weitere Maßnahmen zur Sicherstellung eines Lehrangebots nach westlichem Maßstab sind Intensivkurse, die z.B. in der vorlesungsfreien Zeit von emeritierten Westprofessoren abgehalten werden können. Darüber hinaus sollte der Bund durch besondere Programme die Bereitschaft westdeutscher Privatdozenten fordern, eine Professur an einer ostdeutschen Hochschule zu übernehmen.

 

2) FREIER HOCHSCHULZUGANG

Beim Aufbau einer differenzierten Hochschullandschaft in den fünf neuen Bundesländern ist besonders darauf zu achten, daß die Freiheit des Hochschulzuganges und der Wahl des Studienortes weitestgehend sichergestellt wird. Nach über 40 Jahren parteipolitisch‑ideologisch reglementierten Studiums unter dem alten Regime müssen nun alle Studierwilligen die Chance haben, ihr Recht auf eine Ausbildung nach individueller Neigung und Begabung wahrzunehmen.

Obwohl in absehbarer Zeit die Nachfrage nach Studienplätzen größer sein wird als das vorhandene Angebot, darf der Numerus Clausus kein Mittel zur Kanalisierung der Studentenströme sein. Falls unbedingt nötig, sollen der Hochschule vielfältige Mittel zur Auswahl der Studierenden zur Verfügung gestellt werden. Denjenigen, die vom alten System in ihrer Wahlfreiheit eingeschränkt wurden oder denen ein Studium gänzlich versagt war, muß ein Studiengangwechsel bzw. der Einstieg ins Studium besonders erleichtert werden.

 

3) ERWEITERUNG DES STUDIENANGEBOTES

Die bisherige geringe Palette an Fachrichtungen muß entsprechend den modernen Anforderungen unserer Industriegesellschaft zu einem vielfältigen und differenzierten Studienangebot ausgeweitet werden. Einhergehend mit der ansteigenden Quantität muß auch ein Konzept für ein klares wissenschaftliches Profil der Hochschulen bezüglich der Qualität von Lehre und Forschung erarbeitet werden. Bei der Neufestlegung des Fächerzuschnitts müssen gerade die Geisteswissenschaften ausreichend berücksichtigt werden es gilt die Gefahr einer Neustrukturierung nach kurzfristigen, rein marktstrategischen Gesichtspunkten abzuwehren. Gerade angesichts der notwendigen Aufarbeitung gesellschaftlicher Vorgänge und der eigenen Geschichte kommt den Geisteswissenschaften eine bedeutende Rolle zu. Gerade in diesem Bereich sollten nicht ungeprüft Studienordnungen westlicher Universitäten übernommen werden.Vielmehr muß die Chance genutzt werden, auf „alte Zöpfe“ zu verzichten und statt dessen ein zukunftsorientiertes geisteswissenschaflliches Studium zu gestalten.

Es sollte im Rahmen der Hochschulreform eine Konzentration der Hochschulen auf bestimmte Standorte erfolgen, an denen dann ein breiter Fächerzuschnitt, d.h. mehrere Fakultäten, angeboten werden kann. Die Zusammenlegung von bisher kleiner Hochschulen soll eine leistungsfähige Einheit schaffen, die den Studierenden die Chance zur Interdisziplinarität bietet.

An allen Hochschulen muß die strukturelle Voraussetzung dafür geschaffen werden, daß die Studierenden ein konzentriertes und effektives Studium in angemessener Zeit durchführen können. Dabei sollte man sich an den dort sicher vorhandenen stringent aufeinander aufbauenden Studiengängen orientierten ‑ ohne deren Nachteile wie z.B. die Verschulung zu übernehmen.

 

4) AUFBAU VON FACHHOCHSCHULEN

Der Aufbau von Fachhochschulen in den neuen Bundesländern muß dazu genutzt werden, das System der praxisbezogenen Ausbildung über den bislang im alten Bundesgebiet bekannten Fächerkanon auszudehnen.

Zudem sollte von Beginn an die Forschungsarbeit der Dozenten im Vergleich zu ihren westlichen Kollegen vereinfacht werden, um die Anbindung des wissenschaftlichen Lehrstoffes an den neusten Erkenntnisstand zu gewährleisten.

 

5) PERSONALPOLITIK

Die Opfer des DDR‑Regimes an den Hochschulen müssen rehabilitiert werden.

Alle Lehrstühle müssen neu ausgeschrieben werden; die derzeitigen Lehrstuhlinhaber nehmen bis zur endgültigen Besetzung ihre Dienstpflichten in vollem Umfang (Abnahme von Prüfungen etc.) weiter wahr. Selbstverständlich können sich auch die derzeitigen Lehrstuhlinhaber bewerben. Bei gleicher Qualifikation der sich bewerbenden Professoren und Dozenten sollten diejenigen Vorrang haben, die bereits an der jeweiligen Hochschuleinrichtung einen Lehrstuhl inne hatten.

Die endgültigen Berufungen sollen bis 1994 erfolgen. Sie haben nach den in der Bundesrepublik üblichen wissenschaftlichen Kriterien zu erfolgen. Die Berufungskommissionen sollen nach den in der Bundesrepublik bislang üblichen Statusgruppenschlüsseln zusammen gesetzt sein, und zwar je zur Hälfte mit Vertretern der betroffenen Hochschule und zur anderen Hälfte mit Vertretern aus den alten Bundesländern. Sie könnten von z.B. Partnerhochschulen, Studentenwerken, Studentenverbänden entsandt werden.

Die Übernahme von Professoren der neuen Bundesländer ins Beamtenverhältnis darf nur nach erfolgreich absolvierten Durchlaufs eines regulären neuen Berufungsverfahrens erfolgen.

 

6) ABWICKLUNG

Die letzten Monate haben bewiesen, daß das Tempo der durchgeführten Reformprozesse der Universitäten in den neuen Bundesländern hinter dem zurückbleibt, was für eine qualitative Angleichung der Lehre und Forschung an bundesdeutschen Standard erforderlich wäre. Daher begrüßt der Bundesverband Liberaler Hochschulgruppen die Entscheidungen der jeweiligen Landesregierungen in den neuen Bundesländern und Berlin zur Abwicklung von ideologiebelasteten Fachbereichen und Institute.

Diese Abwicklung darf allerdings nicht zu Lasten der Studierenden gehen; eine Abwicklung des Studiums muß in jedem Fall sichergestellt werden.

Hochschulzugang für DDR-Bürger

Dieser Beschluss wurde durch einen Beschluss der 25. ordentlichen Bundesmitgliederversammlung des LHG von 07.07 bis 09.07.2015 in Jena aufgehoben.

 

Der Bundesverband Liberaler Hochschulgruppen fordert die zuständigen Organe der Bundesrepublik und der DDR auf, umgehend den Hochschulzugang für die DDR-Bürger zu ermöglichen, die aus politischen Gründen nicht zum Abitur in der DDR zugelassen wurden.

Konsequenzen aus der Entwicklung in der DDR für das bundesdeutsche Hochschulsystem

Dieser Beschluss wurde durch einen Beschluss der 25. ordentlichen Bundesmitgliederversammlung des LHG von 07.07 bis 09.07.2015 in Jena aufgehoben.

 

Es kann nicht Ziel liberaler Politik sein, den nach. den Umwälzungen in der DDR in die Bundesrepublik Deutschland kommenden Studierwilligen aus der DDR den Zugang zu den bundesdeutschen Hochschulen zu verwehren. Der LHG wendet sich deshalb gegen alle Versuche wie sie gerade in letzter Zeit z.B. vom bayrischen Wissenschaftsministerium vorgeschlagen wurden ‑ Studierwilligen durch administrative Maßnahmen ‑ z.B. Nicht‑Anerkennung des DDR‑Abiturs und Einführung eines ein‑ oder zweijährigen Vorbereitungskurses ‑ den Zugang zu den bundesdeutschen Hochschulen zu verwehren. Studierwillige aus der DDR müssen bei gleicher Qualifikation die gleichen Chancen haben wie ihre bundesdeutschen Kommilitoninnen und Kommilitonen.

Angesichts der schon heute nur als katastrophal zu bezeichnenden Lage an den bundesdeutschen Hochschulen muß jedoch alles unternommen werden, die Hochschulen in der DDR so aus‑ und umzubauen, daß ein Studium in der DDR attraktiver wird und der Studierwillige aus der DDR dann auch tatsächlich an einer DDR‑Hochschule sein Studium aufnimmt. Mittelfristig ist aber anzustreben, daß auch bundesdeutsche Kornmilitioninnen und Kommilitonen in der DDR studieren.

Dieser Umbau des DDR Hochschulsystems muß sofort in Angriff g

enommen werden, damit keine weitere Zuspitzung der Lage erfolgt.

Der LHG schlägt deshalb folgende Sofortmaßnahmen vor:

 

1) Sonderhaushalt für die DDR‑Hochschulen:

Der LHG fordert die Bundesregierung auf, den für den Ausbau der DDR‑Hochschulen eingerichteten Sonderhaushalt beim Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft deutlich aufzustocken, und zwar auf etwa zehn Prozent des Ansatzes für die bundesdeutschen Hochschulen, d.h. etwa 400 millionen DM für 1990.

 

2) Rechtssicherheit an den DDR‑Hochschulen:

Die Hochschulen der DDR müssen autonom und selbstverwaltet werden, damit die alleinige Kompetenz bei der Gestaltung von Studiengängen und der Festlegung von Prüfungsordungen bei den Hochschulen liegt. Nur so kann gewährleistet werden, daß ein Studienanfänger die Gewißheit hat, daß er sein Studium in der begonnenen Form beenden kann und einen Abschluß erwirbt, der hinterher in beiden deutschen Staaten anerkannt wird.

 

3) Stärkung der Lehre

Um das Problem des Mangels an qualifiziertem Personal zu lösen, müssen verstärkt westdeutsche Lehrende an den DDR‑Hochschulen eingesetzt werden ‑ Professoren, aber gerade auch Angehörige des akademischen Mittelbaus. Auftretende Lücken an westdeutschen Hochschulen müssen durch Neueinstellungen gedeckt werden. Ebenfalls sollten allerdings auch Lehrkräfte von DDR­Hochschulen an westdeutsche Hochschulen berufen werden, wo dies fachlich sinnvoll ist.

 

4) Verstärkte Kooperation zwischen den Hochschulen:

Die Zusammenarbeit zwischen den bundesdeutschen Hochschulen und den DDR‑Hochschulen muß verstärkt werden. So sollen gemeinsame Studiengänge entwickelt werden. Dies kann so geschehen, daß das Grundstudium in der DDR, das Hauptstudium aber in der Bundesrepublik Deutschland absolviert wird.

Außerdem soll jeweils eine nach dem Fächerspektrum geeignete bundesdeutsche Hochschule die Versorgung der ihr zugeordneten DDR‑Hochschule mit moderner, dem Forschungsstand entsprechender Literatur sicherstellen, indem die DDR‑Hochschule mittels Fernleihe an die Bibliothek ihrer Partnerhochschule angeschlossen wird. Außerdem sollte ein reger Austausch von Lehrenden und Lernenden in beide Richtungen stattfinden.

 

5) Stärkung der Forschung:

Um die DDR Hochschulen attraktiv zu machen, muß die Forschung dort dringend ausgebaut werden. Deshalb müssen Forschungsanträge aus der DDR von den Vergebern von Forschungsmitteln (Deutsche Forschungsgemeinschaft, Volkswagenstiftung, Ministerien) bevorzugt behandelt werden. Außerdem sollen Sondermittel für diesen Bereich bereitgestellt werden.

Ferner bleibt die westdeutsche Industrie aufgefordert, durch großzügige Sachspenden für die Ausstattung der DDR‑Hochschulen mit modernen Gerät Sorge zu tragen

Beschluß zur Deutschlandpolitischen Lage

Dieser Beschluss wurde durch einen Beschluss der 25. ordentlichen Bundesmitgliederversammlung des LHG von 07.07 bis 09.07.2015 in Jena aufgehoben.

 

Der LHG verfolgt mit Spannung die aufkommenden Veränderungen auch im Wissenschafts- und Hochschulbereich der DDR. Die liberalen Studierenden in der Bundesrepublik werden versuchen, alle sich jetzt bietenden Möglichkeiten zu nutzen, Kontakt sowohl zu möglicherweise entstehenden unabhängigen als auch zu den bereits in der FDJ existierenden studentischen Hochschulgruppen aufzunehmen.

Der Bundesverband Liberaler Hochschulgruppen unterstützt nachhaltig den verstärkten Informationsaustausch zwischen Hochschulen in beiden deutschen Staaten.

Der LHG wendet sich entschieden dagegen, den Reformprozeß in der DDR durch Diskussionen über Fragen des zukünftigen Status zu gefährden.

Der Respekt vor dem Freiheitswillen der Deutschen in der DDR gebietet es, daß wir nicht vorwegnehmen, was sie wollen, wie sie es wollen oder wann sie es wollen.

In diesem Sinn wird der LHG alles in seiner Kraft stehende zu tun, um, sofern möglich und erwünscht, die Kommilitoninnen und Kommilitonen in der DDR beim Aufbau demokratischer und pluralistischer Strukturen an ihren Hochschulen und bei der Lösung anderer Probleme zu unterstützen.

Darüberhinaus spricht sich der LHG für eine aktive Integrationshilfe der aus der DDR übersiedelten Kommilitoninnen und Kommilitonen durch die bundesdeutschen Studierenden aus.

Zu diesem Zweck fordern die liberalen Studierenden, daß die Probleme, die sich den neuen Bundesbürgern bei Aufnahme und Weiterführung ihres Studiums stellen, in der öffentlichen Diskussion und bei den Zuständigen Beachtung finden.