Stärkung des Hochschul- und des Fachhochschulstudiums

Die deutsche Universität steht als Sinnbild akademischer Reinheit in der Tradition Wilhelm von Humboldts, dem Zwecke dienend, ehrgeizigen jungen Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich nach Belieben zu bilden, sich frei von materiellen Zwängen ihren Interessen zu widmen und mit dem Geist auf den Puls der Forschung zu horchen. Dahinter steht auch die Vorstellung, dass die Studierenden einmal alleine durch ihre Bildung bemächtigt sein werden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Diesem Ideal steht – explizit, ohne eines der Modelle über das andere zu stellen – die Idee einer reinen Berufsausbildung entgegen, die jungen Menschen zielgerichtet die Qualifikationen für ein bestimmtes Berufsbild vermittelt. Dies ist in Deutschland prinzipiell auf hohem Niveau in den Fachhochschulen verwirklicht.

Der Bundesverband liberaler Hochschulgruppen fordert, dass der Entwicklung,

  • vermehrt lediglich berufsspezifische Inhalte zu vermitteln,
  • abstraktes und methodisches Arbeiten durch die Aneignung leicht abfragbaren Lernwissens zu ersetzen,
  • eine politisch beeinflusste Sortierung der Studiengänge nach ihrer vermeintlichen Nützlichkeit, Quotierung, Kontingentierung und Regulierung durch Personal‐ und Fiskalpolitik, sowie gezielter Einflussnahme auf die öffentliche Meinung,

an deutschen Universitäten ein Ende gesetzt wird.

An deutschen Universitäten sollen jene jungen Menschen umfassend gebildet werden, die nach einer mit Eigenverantwortlichkeit, freiwilliger Leistung und entsprechender Interessenlage hinterlegten, im genuinen Sinne universitären Ausbildung streben und zu dieser auch bemächtigt sind. Dies führt zwar zu stagnierenden, unter Umständen rückläufigen Studierendenzahlen an deutschen Universitäten aber somit auch zu besseren Studienbedingungen, einem höherem Marktwert der Hochschulen wie ihrer Mitglieder und homogeneren Ansprüchen. Dieser Schritt ist also notwendig um Menschen und Markt gerecht zu werden.

Ungleich wichtiger ist somit eine umfassende Stärkung, Förderung und Aufwertung der Fachhochschulen. Sie sollen gleichwertig neben den Universitäten stehen, sich lediglich in Ziel und Zweck von diesen unterscheiden. Die derzeitige Abstufung der Fachhochschulen zu minderwertigen Universitäten entspricht weder der Realität, noch weist sie zielführend in die akademische Zukunft Deutschlands.

1. Der intellektuelle Anspruch der Fachhochschulen muss dem der Universitäten entsprechen, allerdings auf einer konkreten, berufsbezogenen Ebene.

2. Das Fachhochschulangebot muss vor dem der Universitäten ausgebaut werden. Es müssen Kapazitäten geschaffen werden um jene, die derzeit an Universitäten studieren, nicht weil sie sich deren Anspruch zuordnen, sondern aus beruflicher Abwägung oder anderen Zwängen, künftig aufzunehmen und auf gleichem Niveau, jedoch zielgerichteter auszubilden.

3. Die Universitäten müssen wieder umfassend ihren wissenschaftlichen Anspruch zurückgewinnen, wo er aufgegeben wurde und behalten und ausbauen, wo er noch besteht. Den Kontakt zu Wirtschaft und Gesellschaft suchen Studierende sich ohnehin am besten frei und freiwillig in ihrer freien Zeit, nach persönlichem Bedarf und entlang marktgerechter Linien.

Um diese Ziele zu verwirklichen, sind eine Anzahl konkreter Maßnahmen notwendig:

1. Der Aus‐ und Neubau von Fachhochschulen. Steigerungen in den Studierendenzahlen können mittelfristig allein über den Ausbau von Fachhochschulkapazitäten absorbiert werden.

2. Eine gezielte Anhebung der Reputation von Fachhochschulen über Überprüfung, Sicherung und Anpassung der Qualität der Lehre.

3. Stark berufsbezogene Studiengänge, die sowohl an Universitäten, als auch an Fachhochschulen angeboten werden, müssen stärker voneinander abgegrenzt werden.

Für eine derart umfassende Reform kann an dieser Stelle kein konkretes Programm entworfen werden, jedoch sollen einige Beispiele als Orientierung dienen und anregen:

1. Die Fachhochschule Reutlingen hat sich neben einigen anderen durch eine gezielte Qualitätspolitik internationale Achtung erworben und bietet ein Studium an, dessen direkter Marktwert oft höher anzusiedeln ist, als der vergleichbarer Universitätsstudiengänge. Auf Grund der entsprechenden Qualität folgte eine Umbenennung in „Hochschule Reutlingen“. Entsprechend ist eine flächendeckende Reform der Begrifflichkeiten zu überdenken, welche den Überbegriff „Hochschule“ allgemein gelten lässt und lediglich über den Begriff der „Universität“ differenziert.

2. Nordrhein‐Westfalen hat kürzlich einen Neubau von drei Fachhochschulen mit je 2500 Studienplätzen im Bereich der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik beschlossen. Diese Entscheidung ist richtungweisend für ganz Deutschland. Andere Bundesländer sollten sich an dieser Entwicklung orientieren.

3. Studiengänge wie die Betriebswirtschaftslehre sollen ihre Proportionen in großem Maße zu Gunsten der Fachhochschulstudiengänge verlagern, wo eine Spezialisierung und die Möglichkeit zu einer zielorientierten Ausdifferenzierung der Inhalte besser gewährleistet werden können, als an der Universität. Durch derartige Umschichtungen würde die Gleichwertigkeit der Fachhochschulen und der Unterschied im Auftrag statt in der Qualität deutlich gemacht werden.

4. Aus den Überlegungen sind bereits vorhandene Einrichtungen, die sich einem besonderen Bedarf widmen, wie die Pädagogischen Hochschulen, als lobenswerte Beispiele herauszunehmen und gegebenenfalls weiterzuentwickeln.

Deutschland braucht praxisorientierte Akademiker, die auf hohem Niveau das notwendige Know‐how besitzen, in der Wirtschaft das ihrige zu leisten.

Aber Deutschland braucht auch den oft gescholtenen ‚Elfenbeinturm’, an dem die reine Wissenschaft auf abstrakter Ebene, theoretisch, womöglich trocken und ohne offenbaren Bezug zum rauen Klima außerhalb der Universität ihrer Neugierde, ihren Neigungen und ihren Idealen nachgehen können, um die deutsche Wirtschaft, Gesellschaft und Politik dynamisch zu halten und das zu generieren, was Deutschlands größtes Kapital bleibt: Neues Wissen.