Archiv der Kategorie: 48. Bundesmitgliederversammlung, Juni 2012 in Würzburg

10 Schritte für Bologna – Studienqualität jetzt!

Vor 13 Jahren wurde der Bologna-Prozess in der gleichnamigen Stadt angestoßen und hat viel Bewegung in den europäischen Hochschulraum gebracht. Mittlerweile sind fast alle Studiengänge auf das Bachelor-Master-System umgestellt. Die Liberalen Hochschulgruppen fordern daher die dringende Nachbesserung an verschiedenen Stellen des Hochschulsystems, damit die Ziele von Bologna auch wirklich erreicht und nicht durch eine bloße Strukturreform verwischt werden.

Hierfür fordern die Liberalen Hochschulgruppen:

1. Jeden Studiengang so zu gestalten, dass bis zu ein Drittel der ECTS-Punkte nicht mit in die Durchschnittsnote einfließt. Hierbei soll es in der Hand der Studierenden liegen, welche Kurse sie sich als benotet und welche als unbenotet eintragen lassen.

Der große Vorteil von Bachelor und Master gegenüber den alten Studiengängen oder auch Studiengängen, die mit dem Staatsexamen abschließen, ist, dass die Abschlussnote nicht von wenigen Prüfungen abhängt, sondern den gesamten
Studienverlauf berücksichtigt. Dadurch entsteht jedoch ein permanenter Leistungsdruck, da jede Note entscheidend ist. Wer am Ende einen sehr guten Abschluss haben will, muss jede Prüfung sehr gut bestehen. Dies ist eine unrealistische Anforderung, die nicht dazu verwendet werden sollte, den Studierenden Druck zu machen.

2. Eine Nachjustierung bei den Wochenstunden, pro ECTS-Punkt. Ein ECTS-Punkt steht derzeit für 30 Arbeitsstunden. Mit 30 ECTS-Punkten pro Semester kommt man auf 900 Arbeitsstunden: Das entspricht einer Arbeitszeit von 7,5 Stunden pro Tag bei freiem Wochenende ohne Urlaub. Allein dieses Ziel halten die Liberalen Hochschulgruppen für absurd. Ein Studium prägt die Studierenden nicht nur durch die reine Lern- und Arbeitszeit, sondern auch andere Erfahrungen wie Diskussionen fernab von Seminaren, Reisen, Seminare, die nicht in den eigenen Studienverlauf gehören, sondern in den Bereich des Studium Generale, und viele Dinge mehr, bei denen man Eigenverantwortung und Bildungswillen beweisen muss. Zudem berücksichtigt diese Vorgabe an Arbeitsstunden nicht, dass viele Studierende arbeiten müssen, um sich ihr Studium leisten zu können. Das ist nicht möglich, wenn man 7,5 Stunden pro Tag mit dem Studium beschäftigt ist. Solange nicht alle Studierenden den vollen BAföG-Satz unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern vom Staat zur Verfügung gestellt bekommen, kann der Staat nicht verlangen, dass soviel Zeit der Studierenden in das Studium fließt. Die Liberalen Hochschulgruppen fordern eine Anpassung dahingehend, dass ein ECTS-Punkt nur für 20 Arbeitsstunden steht. Die Anzahl der zu erreichenden ECTS-Punkte für den jeweiligen Abschluss darf dabei nicht erhöht werden.

3. Mehr Bachelorstudiengänge mit einer Studienzeit von sieben oder acht Semestern. Es gibt viele Studiengänge, bei denen etwa ein Drittel der Studierenden nicht in den vorgesehenen sechs Semestern fertig werden. Hier kann es förderlich sein, einfach zu akzeptieren, dass eine fundierte Ausbildung ein oder
zwei Semester länger dauert, anstatt entweder zu viel Lerninhalte in kurze Zeit zu packen oder Veranstaltungen zu streichen. Die bewirkt lediglich, dass die Qualität des Studiums und die Qualifikation der Studierenden gemindert wird. Zugleich soll das bürokratische Konstrukt der Gesamtregelstudienzeit abgeschafft werden.

4. Einheitliche europäische Semesteranfangszeiten. Durch ein Auslandssemester verlieren viele Studierende Zeit, da in Deutschland die Semesteranfangszeiten anders getaktet sind als in den meisten anderen europäischen Ländern. Die Liberalen Hochschulgruppen fordern daher ein einheitliches System im europäischen Hochschulraum, um die Mobilität der Studierenden zu stärken, sodass ihnen beim Auslandsaufenthalt kein Semester verloren geht. Das einheitliche System soll sich am Kalenderjahr orientieren, sodass die Semester vom 1. Januar bis 30. Juni sowie vom 1. Juli bis 31. Dezember dauern.

5. Ein verpflichtendes Praxismodul in jedem Studiengang. Dabei sollen Studierende mindestens acht Wochen Praktikum absolvieren können – sei es in der Forschung, Wirtschaft
oder einem anderen Bereich, der für ihr Studium relevant ist. Hierbei sollen vor allem Auslandspraktika beworben werden, damit Studierende Auslandserfahrung sammeln und die Scheu vor langen Aufenthalten im Ausland verlieren. Zu diesem Zweck soll der Bund zusätzliche Mittel für Auslandsstipendien bereitgestellt werden. Alternativ können sich die Liberalen Hochschulgruppen auch ein System vorstellen, in dem Auslandspraktika von in- und ausländischen Wirtschaftsunternehmen, Forschungseinrichtungen oder auch Stiftungen ähnlich wie beim Deutschlandstipendium unterstützt werden.

6. Zugänge zu Masterstudiengängen offen gestalten. Die Hochschulen werden dazu aufgefordert gemeinsam ihre Zugangsvoraussetzungen zu lockern, damit Studierende überhaupt die Möglichkeit haben, nach dem Bachelor die Hochschule zu wechseln. Wenn jede Hochschule Prüfungen voraussetzt, die nur an der eigenen Hochschule abgelegt werden können, ist niemandem auf dem Weg zu den Zielen von Bologna geholfen. Die Liberalen Hochschulgruppen fordern eine gemeinsame Selbstverpflichtung aller Hochschulen, ihre Masterstudiengänge dahingehend zu gestalten, dass keine hochschulspezifischen Prüfungen obligatorisch sind, sondern nur allgemeine Kenntnisse und Grundlagen des jeweiligen Faches oder der Fächerkombinationen. Dafür soll die Beweislast in Anerkennungsfragen umgekehrt werden. Außerdem muss die Möglichkeit geschaffen werden, einzelne fehlende
Kurse oder Sprachkenntnisse während des Masterstudiums nachzuholen.

7. Internationale Doppelabschlüsse zu stärken. Um die Mobilität der Studierenden und den europäischen Hochschulraum zu fördern, soll es mehr Studienangebote geben, die eine Doppelqualifikation als Abschluss haben. Dabei soll ein Teil des Studiums an einer ausländischen Partnerhochschule absolviert werden. Herfür sollen Programme im Sinne eines europäischen Hochschulraums entwickelt werden, die den Studierenden einen möglichst einfachen Auslandsaufenthalt ermöglichen. Ein Doppelabschluss soll Anreiz sein für die Studierenden ins Ausland zu gehen und qualifiziert sie für einen Beruf im europäischen Arbeitsmarkt.

8. Teilzeitstudiengänge zu fördern. Ein Ziel von Bologna ist das lebenslange Lernen. Dies kann nur gefördert werden, wenn es Studiengänge gibt, die speziell für Menschen im fortgeschrittenen Alter konzipiert wurden und ihnen ermöglichen neben dem Beruf zu studierenden. Hierfür muss es viele Onlineangebote wie Livestreams, Skripte und Übungsaufgaben geben. Ebenso sollen Kurse verstärkt am Wochenende angeboten werden. Teilzeitstudiengänge müssen von den Hochschulen verstärkt angeboten werden und dürfen keine Option sein, die eventuell auf Nachfrage ermöglicht wird. Gleichzeitig fordern die Liberalen Hochschulgruppen die Wirtschaft auf, die den Bologna-Prozess mit antreibt, die Arbeitszeiten dahingehend flexibel zu gestalten, dass ein Teilzeitstudium überhaupt möglich ist. Hierzu zählt auch die finanzielle Absicherung über diesen Zeitraum.

9. Anwesenheitspflichten nur auf Praktika zu reduzieren. Die Anwesenheitspflichten in Vorlesungen, Seminaren, Übungen und Tutorien sind eine Bevormundung von Studierenden, die nicht den Effekt hat, dass die Studierenden mehr lernen, sondern dass sie ihre Zeit absitzen ohne etwas aus der Veranstaltung mitzunehmen. Studierende sollen selbst entscheiden, welche Veranstaltung für sie wann sinnvoll ist und welchen Stoff sie sich besser selbstständig aneignen. Diese Veranstaltungen sollen Angebot sein – kein Zwang.

10. Barrierefreiheit nicht mit „rollstuhlgerecht“ gleichzusetzen. Viele Studierende mit Behinderung oder chronischer Krankheit brauchen mehr Unterstützung als einen Aufzug oder eine Rampe. Auf diese individuellen Bedürfnisse müssen Hochschulen und Dozenten eingehen und Lösungen finden, um allen Studierenden das Studium zu ermöglichen. Prüfungsvoraussetzungen und Prüfungsleistungen sowie die Studienzeit müssen flexibilisiert werden. Dieser Prozess beginnt in den Köpfen der Studierenden und Dozenten. Studierende mit Behinderung oder chronischer Krankheit müssen auf Hilfe vertrauen können, statt um sie bitten zu müssen.