Archiv der Kategorie: 10. Bundesmitgliederversammlung, Januar 1993 in Weimar

Zwangsmaßnahmen gegen Studierende und Einschränkung der Studienfreiheit

Die im Papier der Kultus- und Finanzministerkonferenz erarbeitenden Pläne zur Veränderung des Studiums werden die Studienbedingungen erheblich verschlechtern. Die angekündigten Zwangsmaßnahmen gegen Studierende und Einschränkungen der Studienmöglichkeiten sind nicht geeignet das Studium zu verkürzen. Zu diesen zählen insbesondere:

 

  • Die Erstellung verbindlicher Prüfungstermine auch im Hauptdiplom, deren Nichteinhaltung mit Exmatrikulation bestraft wird.

 

  • Die Erhebung von Studiengebühren beim Überschreiten der Regelstudienzeiten

 

  • Die Einschränkung auf ein berufsqualifizierendes Studium, das den bisherigen Bildungsanspruch nicht aufrechterhält, zur Verschuldung neigt und eine zügige wissenschaftliche Ausrichtung unmöglich macht.

 

  • Die Kürzung von Aufbau-, Zusatz- und Ergänzungsstudiengängen.

 

Diese Maßnahmen ziehen verheerende Konsequenzen nach sich und stehen den eigenen Zielsetzungen entgegen:

 

  • Aufgrund des erheblichen Prüfungsdrucks werden viele Studierende nur noch für die Prüfungen lernen, und die Möglichkeit/Fähigkeit zur selbständig organisierten Bildung wird zerstört.

 

  • Spezialvorlesungen, die Studierende in die Tiefe eines Fachgebietes einführen, werden wegen des geringen Besuches überflüssig, so daß der für die Universitäten lebensnotwendige wissenschaftliche Nachwuchs ausbleibt.

 

  • Die Wahlmöglichkeiten im Studium entfallen und der Erwerb von Zusatz- und Zweitqualifikationen wird erschwert.

 

  • Die engen Prüfungstermine machen machen einen anderen Studienverlauf als den des Vollzeitstudierenden unmöglich. Das entspricht aber nicht mehr der Lebenssituation vieler Studierender und schließt viele sinnvolle oder nötige andere Studienverläufe aus, wie z.B. Auslandsaufenthalte oder längere Betriebspraktika. Damit werden ganze Gruppen von der Hochschulausbildung ausgeschlossen und Eigeninitiative blockiert.

 

Teilzeitstudierende

Der Bundesverband Liberaler Hochschulgruppen (LHG) fordert, daß die Diskussion um die Studien- und Hochschulreform nicht mehr ausschließlich vom Leitbild des Vollzeitstudierenden ausgeht. Die vielfältigen Formen eines Teilzeitstudiums müssen gleichermaßen berücksichtigt werden.

Teilzeitstudium ist keine „schlechtere“ Form des Studiums; es zeigt vielmehr die Freiheit des Individuums, seine Lebensplanung nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Daher erteilt der LHG allen Versuchen, die Studierenden in Vollzeitstudium zu pressen, eine klare Absage. In einer liberalen Gesellschaft muß auch ein freizügiges Studium möglich sein.

Studienzeitverkürzung

Der Bundesverband Liberaler Hochschulgruppen befürwortet eine Studienstrukturreform, die das Ziel hat, dem einzelnen ein Studium in der Regelstudienzeit zu ermöglichen. Gleichzeitig wenden wir uns aber gegen jegliche Form staatlicher Zwangsmaßnahmen und Repressalien, die eine künstliche, die individuellen Bedürfnisse mißachtende Studienzeitbeschränkung zum Ziel hat.

Stellungnahme zum gemeinsamen Papier der KMK/FMK vom 09. 10. 1993

Der LHG lehnt die Konkretisierung der Vorschläge der Kultus- und Finanzministerkonferenz der Länder vom 09. 10. l 993 als Diskussionsgrundlage für den Bildungsgipfel der Regierungschefs von Bund und Ländern über eine Fortsetzung der Studienreform entschieden ab.

Der Vorschlag, Studiengebühren von Studierenden zu erheben, welche äußerst knapp bemessene Regelstudienzeiten überschreiten, verkennt die angespannt finanzielle Lage der meisten Studierenden und wird aufgrund des dadurch nochmals erhöhten finanziellen Drucks genau das Gegenteil vom angestrebten Ziel einer Verkürzung der Studienzeiten bewirken.

Die vorgeschlagene zwangsweise Exmatrikulation von Studierenden, welche die Regelstudienzeit überschreiten, stellt einen völlig unverhältnismäßigen und deshalb unzulässigen Eingriff in die vom Grundgesetz verbürgten Grundrechte der einzelnen Studierenden dar.

Der LHG begrüßt dagegen den vorgeschlagenen Ausbau der Fachhochschulen, weist jedoch darauf hin, daß dieser finanziell keinesfalls zu Lasten der Universitäten gehen darf.

Der LHG begrüßt grundsätzlich Maßnahmen zur Evaluierung der Lehr- und Forschungsleistungen der Hochschulen und zur Schaffung positiver Leistungsanreize für Lehrende und Studierende, fordert bei den konkreten Maßnahmen aber eine stärkere Berücksichtigung der von studentischer Seite auch mit Unterstützung des LHG bereits durchgeführten und bewährten studentischen Veranstaltungskritik.

Der Vorschlag der Kultus- und Finanzminister, Universitätsstudiengänge künftig in solche berufsqualifizierender Art und solche zur Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses zu unterteilen, ist ohne nähere Konkretisierung insbesondere der Frage des Zugang zu den Studiengängen zur Ausbildung des wissenschaftliche Nachwuchses nicht als Diskussionsgrundlage zu brauchbar.

Eine nachhaltige „Entrümpelung“ von Studienplänen- und inhalten ist unverzichtbar.

Staat und Hochschulen

Das Wirken der Hochschulen in unserer Gesellschaft darf sich nicht in einer nur ausbildenden und akademischen Funktion erschöpfen.

Vielmehr ist es die Aufgabe der Hochschulen (und ihrer einzelnen Mitglieder) gesellschaftspolitisch aktiv zu sein. Die akademischen Freiheiten, die garantierte Freiheit von Forschung und Lehre und die (zumindest zu einem gewissen Grad) freie Gestaltbarkeit des Studiums sind weder Selbstzweck noch Geschenk, sondern vielmehr Aufgabe und Verpflichtung zur Kritik und zur Mitgestaltung der Gesellschaft.

In Zeiten knapper Finanzmittel und dauernder Überlast wird dieser die Hochschulen prägende Aspekt zu häufig vergessen oder bewußt unterschlagen.

Als politischer Studierendenverband wehren wir uns gegen die Kastration des Studiums zu einer rein beruflichen Lehre. Das Privileg Bildung wird von uns auch als Verpflichtung zur gesellschaftlichen und politischen Verantwortung verstanden. Alle Reformpläne müssen sich an diesem Anspruch messen lassen.

 

Für den LHG bedeutet das explizit:

 

Wir verstehen uns als ein politischer Verband, dessen Hauptaugenmerk auf dem hochschulpolitischen Sektor liegt. Durch unsere direkte Betroffenheit als Studierende an den Hochschulen ist es unsere Hauptaufgabe, unsere Kompetenz und unseren Sachverstand in die hochschulpolitischen Entscheidungen miteinzubringen.

Dieser Hochschul-Bezug entbindet uns aber nicht von der Verantwortung, gesellschaftspolitische Mißstände zu diskutieren. Wir können und dürfen die Hochschulen nicht als abgehobene Elfenbeintürme sehen, sondern müssen sie als lebendige Teilbereiche des öffentlichen Lebens begreifen.

 

Staat und Hochschule bedingen und bedürfen einander.

 

 

Deshalb müssen wir als Mitglieder der Hochschulen auch im LHG zu gesellschaftspolitischen Fragen Positionen diskutieren und beziehen.

Erklärung zu allen Arten von Intoleranz

Die im Bundesverband Liberaler Hochschulgruppen vereinten Studierenden erklären sich solidarisch mit allen Menschen, die durch Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Nationalismus oder andere Arten der Intoleranz wegen ihrer relativen Andersartigkeit in ihren persönlichen Lebensumständen beeinträchtigt werden.

Wir Studierenden wissen aus eigener Erfahrung, wie ungewohnt und schwierig das Zurechtkommen in einer fremden Umgebung ist; gleichzeitig wissen wir aber auch, daß mit der Bewältigung dieser Probleme auf beiden Seiten wertvolle Erfahrungen einhergehen, die um so wichtiger sind, je offener man damit umgeht.

Aus diesem Grund verurteilen wir jedwedes ausländerfeindliches Verhalten und begrüßen die erfreuliche Reaktion der Bevölkerung, die mit friedlichen und besinnlichen Demonstrationen zeigt, daß eine derartige Intoleranz keine Unterstützung findet.