Archiv der Kategorie: 06. Bundesmitgliederversammlung, Januar 1991 in Nürnberg

LHG-Forderungskatalog zur Neugestaltung des Hochschulwesens in den fünf ostdeutschen Bundesländern

 Dieser Beschluss wurde durch einen Beschluss der 25. ordentlichen Bundesmitgliederversammlung des LHG von 07.07 bis 09.07.2015 in Jena aufgehoben.

1) VERFASSTE STUDENTENSCHAFT

Die Verfaßte Studentenschaft muß ‑ neben Baden‑Württemberg und

Bayern ‑ in den neuen Bundesländern gesetzlich verankert werden.

Die Studentische Selbstverwaltung ist ein wesentlicher Bestandteil der Autonomie der gesamten Hochschule ‑ Freiheit der Forschung und Lehre muß auch einhergehen mit der Freiheit zur größtmöglichen Eigenverantwortlichkeit und Selbständigkeit. Nachdem die FDJ vierzig Jahre lang des Monopol der studentischen Interessenvertretung innehatte, muß sich nun eine Vielfalt der studentischen Gruppen und hochschulpolitischen Überzeugungen etablieren können.

Der miserable Ausrüstungs‑ und Erhaltungszustand der Hochschulen der ehemaligen DDR muß schnellstmöglich behoben werden. Hier können über Sonderprogramme zur Versorgung mit den dringendsten Lehrmitteln (technisches Gerät, Bücher ..) hinaus nur langfristige hohe Finanzzusagen Abhilfe schaffen. Als Beispiel praktischer Hilfe von westlicher Seite sind Hochschulpartnerschaften praktikabel, die z.B. die Versorgung mit Fachliteratur oder gar nach dem Modell der „fliegenden Fakultäten“ die Aufgabe der Lehre für ganze, in sich geschlossene Studiengänge übernehmen. Zur Entlastung des Lehrpersonals sollte der wissenschaftliche Mittelbau im Osten stärker gefördert werden. Die durch die Vergangenheit relativ unbelasteten wissenschaftlichen Mitarbeiter sollten im wechselseitigen Austausch mit dem Mittelbau aus dem Westen in ihrer Laufbahn gefördert werden. Nur klare Perspektiven für die Personengruppe verhindern die übemmäßige Abwanderung an westliche Universitäten. Weitere Maßnahmen zur Sicherstellung eines Lehrangebots nach westlichem Maßstab sind Intensivkurse, die z.B. in der vorlesungsfreien Zeit von emeritierten Westprofessoren abgehalten werden können. Darüber hinaus sollte der Bund durch besondere Programme die Bereitschaft westdeutscher Privatdozenten fordern, eine Professur an einer ostdeutschen Hochschule zu übernehmen.

 

2) FREIER HOCHSCHULZUGANG

Beim Aufbau einer differenzierten Hochschullandschaft in den fünf neuen Bundesländern ist besonders darauf zu achten, daß die Freiheit des Hochschulzuganges und der Wahl des Studienortes weitestgehend sichergestellt wird. Nach über 40 Jahren parteipolitisch‑ideologisch reglementierten Studiums unter dem alten Regime müssen nun alle Studierwilligen die Chance haben, ihr Recht auf eine Ausbildung nach individueller Neigung und Begabung wahrzunehmen.

Obwohl in absehbarer Zeit die Nachfrage nach Studienplätzen größer sein wird als das vorhandene Angebot, darf der Numerus Clausus kein Mittel zur Kanalisierung der Studentenströme sein. Falls unbedingt nötig, sollen der Hochschule vielfältige Mittel zur Auswahl der Studierenden zur Verfügung gestellt werden. Denjenigen, die vom alten System in ihrer Wahlfreiheit eingeschränkt wurden oder denen ein Studium gänzlich versagt war, muß ein Studiengangwechsel bzw. der Einstieg ins Studium besonders erleichtert werden.

 

3) ERWEITERUNG DES STUDIENANGEBOTES

Die bisherige geringe Palette an Fachrichtungen muß entsprechend den modernen Anforderungen unserer Industriegesellschaft zu einem vielfältigen und differenzierten Studienangebot ausgeweitet werden. Einhergehend mit der ansteigenden Quantität muß auch ein Konzept für ein klares wissenschaftliches Profil der Hochschulen bezüglich der Qualität von Lehre und Forschung erarbeitet werden. Bei der Neufestlegung des Fächerzuschnitts müssen gerade die Geisteswissenschaften ausreichend berücksichtigt werden es gilt die Gefahr einer Neustrukturierung nach kurzfristigen, rein marktstrategischen Gesichtspunkten abzuwehren. Gerade angesichts der notwendigen Aufarbeitung gesellschaftlicher Vorgänge und der eigenen Geschichte kommt den Geisteswissenschaften eine bedeutende Rolle zu. Gerade in diesem Bereich sollten nicht ungeprüft Studienordnungen westlicher Universitäten übernommen werden.Vielmehr muß die Chance genutzt werden, auf „alte Zöpfe“ zu verzichten und statt dessen ein zukunftsorientiertes geisteswissenschaflliches Studium zu gestalten.

Es sollte im Rahmen der Hochschulreform eine Konzentration der Hochschulen auf bestimmte Standorte erfolgen, an denen dann ein breiter Fächerzuschnitt, d.h. mehrere Fakultäten, angeboten werden kann. Die Zusammenlegung von bisher kleiner Hochschulen soll eine leistungsfähige Einheit schaffen, die den Studierenden die Chance zur Interdisziplinarität bietet.

An allen Hochschulen muß die strukturelle Voraussetzung dafür geschaffen werden, daß die Studierenden ein konzentriertes und effektives Studium in angemessener Zeit durchführen können. Dabei sollte man sich an den dort sicher vorhandenen stringent aufeinander aufbauenden Studiengängen orientierten ‑ ohne deren Nachteile wie z.B. die Verschulung zu übernehmen.

 

4) AUFBAU VON FACHHOCHSCHULEN

Der Aufbau von Fachhochschulen in den neuen Bundesländern muß dazu genutzt werden, das System der praxisbezogenen Ausbildung über den bislang im alten Bundesgebiet bekannten Fächerkanon auszudehnen.

Zudem sollte von Beginn an die Forschungsarbeit der Dozenten im Vergleich zu ihren westlichen Kollegen vereinfacht werden, um die Anbindung des wissenschaftlichen Lehrstoffes an den neusten Erkenntnisstand zu gewährleisten.

 

5) PERSONALPOLITIK

Die Opfer des DDR‑Regimes an den Hochschulen müssen rehabilitiert werden.

Alle Lehrstühle müssen neu ausgeschrieben werden; die derzeitigen Lehrstuhlinhaber nehmen bis zur endgültigen Besetzung ihre Dienstpflichten in vollem Umfang (Abnahme von Prüfungen etc.) weiter wahr. Selbstverständlich können sich auch die derzeitigen Lehrstuhlinhaber bewerben. Bei gleicher Qualifikation der sich bewerbenden Professoren und Dozenten sollten diejenigen Vorrang haben, die bereits an der jeweiligen Hochschuleinrichtung einen Lehrstuhl inne hatten.

Die endgültigen Berufungen sollen bis 1994 erfolgen. Sie haben nach den in der Bundesrepublik üblichen wissenschaftlichen Kriterien zu erfolgen. Die Berufungskommissionen sollen nach den in der Bundesrepublik bislang üblichen Statusgruppenschlüsseln zusammen gesetzt sein, und zwar je zur Hälfte mit Vertretern der betroffenen Hochschule und zur anderen Hälfte mit Vertretern aus den alten Bundesländern. Sie könnten von z.B. Partnerhochschulen, Studentenwerken, Studentenverbänden entsandt werden.

Die Übernahme von Professoren der neuen Bundesländer ins Beamtenverhältnis darf nur nach erfolgreich absolvierten Durchlaufs eines regulären neuen Berufungsverfahrens erfolgen.

 

6) ABWICKLUNG

Die letzten Monate haben bewiesen, daß das Tempo der durchgeführten Reformprozesse der Universitäten in den neuen Bundesländern hinter dem zurückbleibt, was für eine qualitative Angleichung der Lehre und Forschung an bundesdeutschen Standard erforderlich wäre. Daher begrüßt der Bundesverband Liberaler Hochschulgruppen die Entscheidungen der jeweiligen Landesregierungen in den neuen Bundesländern und Berlin zur Abwicklung von ideologiebelasteten Fachbereichen und Institute.

Diese Abwicklung darf allerdings nicht zu Lasten der Studierenden gehen; eine Abwicklung des Studiums muß in jedem Fall sichergestellt werden.

Verbesserung der Situation der Fachhochschulen

Die Fachhochschulen sind ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Bildungswesens; sie bieten mit ihrer praxisorientierten und berufsbildbezogenen Lehre eine ernstzunehmende Alternative zu Forschung und Lehre.

 

Deshalb fordert der LHG

 

  • Verbesserung der Mittelausstattung an den Fachhochschulen
  • Die unverzügliche Neueinstellung von ausscheidenden Professoren muß durch ein rechtzeitiges Berufsverfahren gewährleistet sein
  • Verbesserung der Betreuungsrelationen durch zusätzliche Neueinstellungen von Professoren
  • Verstärkte Einrichtung von Stellen für studentische Hilfskräfte und wissenschaftliche Mitarbeiter, um die anwendungsorientierte Forschung zu erleichtern
  • Verstärkte Zusammenarbeit mit den einheimischen Industrieunternehmen um noch höheren Praxisbezug erreichen zu können, z.B. durch Gastvorträge von führenden Industriekräften.
  • Intensivierung von nationalen und internationalen Kooperationen zwischen Fachhochschulen besonders im Hinblick auf den EG-Binnenmarkt 1992
  • Abschaffung der nicht mehr gerechtfertigten Benachteiligung von FH-Absolventen im öffentlichen Dienst, dies gilt sowohl für die Einstellungspraxis als auch für die Beförderungspraxis

 

Alle diese Maßnahmen können jedoch nur dann sinnvoll durchgeführt werden, wenn durch entsprechende Erhöhung der Ausgaben von Bund und Ländern es zu einer spürbaren Entlastung an den Hochschulen kommt.

Umweltforschungszentren

An den deutschen Hochschulen hat das Potential im Bereich der Umweltforschung bis heute stark zugenommen. An den verschiedensten Fachbereichen an nahezu allen Hochschulen wird derzeit im Bereich umweltrelevanter Themen geforscht. Diese Forschung ist oft erfolgreich und verhilft zu neuen Erkenntnissen. Jedoch dringen die Ergebnisse dieser Forschung oft nicht bis zu den Stellen, an denen diese Ergebnisse nützlich sein könnten. Zu denken ist hier nicht nur an die Leiter jeweils anderer Forschungsprojekte, sondern auch an Bund, Land und Kommunen sowie die gewerbliche Wirtschaft.

Um diesem Mangel zu begegnen, erscheint es sinnvoll, an den Hochschulen Zentren mit entsprechendem Aufgabenbereich einzurichten, sog. Umweltforschungszentren (UFZ).

Damit diese Umweltforschungszentren dem oben genannten Mangel begegnen können, haben sie im einzelnen folgende Aufgaben zu übernehmen:

 

  1. Anlaufstation für die Fachbereiche der jeweiligen Hochschule:     Das UFZ hat eine Anlaufstation für die verschiedenen Fachbereiche in dem Sinne zu sein, daß das UFZ an der jeweiligen Hochschule die Anfragen und Angebote der einzelnen Fachbereiche koordiniert und, sofern dieses eine Arbeitserleichterung darstellt, in einer Datenbank aufnimmt.

 

  1. Kooperation der Hochschulen untereinander:     Die Anfragen und Angebote der Fachbereiche dürfen jedoch nicht nur intern, d.h. innerhalb der jeweiligen Hochschule, koordiniert werden, sondern müssen auch extern (zu anderen Hochschulen) koordiniert werden. Der Aufbau externer Kommunikation müßte dann von einem Fachbereich zum UFZ der einen Hochschule über das UFZ der anderen Hochschule zum jeweils anderen Fachbereich laufen. Um für die nachgefragte Aufgabe die entsprechende Partneruniversität zu finden, ist der Aufbau einer Datenbank in Betracht zu ziehen, die die benötigten Informationen enthält. Die spätere Kommunkation könnte dann direkt von Fachbereich zu Fachbereich erfolgen.

 

  1. Weiterentwicklung und Förderung ganzheitlicher Forschungsansätze:     Viele Bereiche des Umweltschutzes verlangen zur Lösung der Probleme (z.B. Luftreinhaltung; Gewässerschutz) die Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachbereiche. Diese Zusammenarbeit sollte vom UFZ, sofern erforderlich, zunächst eingeleitet und später so weit wie nötig koordiniert werden.

 

  1. Befriedigung des Transferbedarfs zu Kommunen und zur gewerblichen Wirtschaft:     Damit die Forschungsergebnisse der einzelnen Fachbereiche von den Stellen berücksichtigt werden können, die umweltrelevante Entscheidungen treffen (Bund, Land, Kommunen und Wirtschaft:) müßten die UFZ die Brücke von diesen Stellen zu den Hochschulen schlagen. Auch hier erscheint der Einsatz einer Datenbank sinnvoll. Die Nachfrage nach diesen Ergebnissen erforderte dann jedoch eine angemessene Vergütung. Die Inhalte der Forschungsprojekte dürfen sich jedoch nicht an ihrer wirtschaftlichen Verwendbarkeit ausrichten.

 

  1. Vermittlung umweltrelevanter Aus-/Weiterbildung:     Das UFZ könnte weiterhin die Grundlage zur Vermittlung einer fachübergreifenden Hochschulausbildung bilden. So erscheinen z.B. naturwissenschaftliche Kenntnisse für Juristen und Wirtschaftswissenschaftler sinnvoll. Zudem ist auch an die Bereitstellung umweltrelevanter Weiterbildung für die Wirtschaft und die Verwaltungen in Bund, Land und Kommunen zu denken. Die Wahrnehmung dieser Weiterbildungsmöglichkeit für Wirtschaft und staatliche Einrichtungen hat ebenfalls angemessen vergütet zu werden. Um den genannten Aufgaben nachkommen zu können, sind die UFZ als zentrale wissenschaftliche Einrichtungen gem. § 3 I WissHG zu errichten. Dann haben die Zentren die notwendige Eigenständigkeit, einen eigenen Finanzetat und somit weitgehende Unabhängigkeit von den Universitätsverwaltungen. Desweiteren ist eine Geschäftsstelle einzurichten, die den Leiter und die Mitglieder bei allen Aufgaben unterstützt und zugleich Dienste wie Textverarbeitung, Dokumentation, Projektkalkulation u.ä. übernimmt. Zur Bewältigung der Aufgaben ist die Geschäftsstelle mit der erforderlichen Anzahl von Stellen für Sekretariat, Dokumentation sowie Hilfskräften auszustatten. Desweiteren ist im Sinne einer fachgerechten Bearbeitung der Aufgaben an die Einrichtung von Stellen für Fachkräfte zu denken. Diese sind nicht notwendig von Professoren zu besetzen, denn diesen Stellen kommt kein Forschungsauftrag zu.

 

  1. Finanzierung der UFZ:     Die Vermittlungstätigkeit von Ergebnissen und Weiterbildungsmöglichkeiten an Wirtschaft sowie Bund, Land und Kommunen wird jedoch nicht so ertragreich sein, daß damit ein gesamtes UFZ finanziert werden könnte, so daß zur Finanzierung der UFZ nur eine Kombination aus Landesmitteln und Vermittlungseinnahmen in Betracht kommt. Der LHG fordert die Hochschulen auf, oben beschriebene Umweltforschungszentren einzurichten. Die Bundesländer werden aufgefordert, die notwendigen finanziellen Mittel zur Einrichtung der Zentren zur Verfügung zu stellen.

 

  1. In Abstimmung mit den lokalen Gegebenheiten an der Universität sollten die UFZ zu selbständigen interdisziplinären Forschungseinheiten ausgebaut werden können.

Hochschulmitbestimmungsmodell

Die derzeitigen Mehrheitsverhältnisse in den Gremien der Hochschulen geben den Professoren eine übermäßig starke Stellung. Die Vertretung der anderen Gruppen (wissenschaftliche Mitarbeiter; Studenten) ist dagegen relativ schlecht. Die absolute Mehrheit der Professoren in den Gremien wird aus Gründen der Demokratieprinzipien von uns abgelehnt.

Die LHG fordert daher folgendes Modell zumindest für die Gremien durchzusetzen, in denen Fragen des Wissenschafts- und Lehrbetriebes erörtert werden.

 

Hochschulmitbestimmungsmodell:

 

Besetzung der Gremien:

 

Die Gremien der Hochschulen sollten mit den drei Gruppen der Professoren, der wissenschaftlichen Mitarbeiter und der Studenten besetzt sein. Diese drei Gruppen sind mit dem Wissenschafts-, Forschungs- und Lehrbetrieb der Hochschulen direkt verbunden und haben daher berechtigtes Interesse an einer angemessenen Vertretung. Die nicht wissenschaftlichen Mitarbeiter können an einer solchen Vertretung kein Interesse haben. Ihre Mitbestimmungsinteressen in Verwaltungsangelegenheiten werden durch die Betriebsräte ausreichend wahrgenommen. Eine denkbare Zusammenlegung der Professoren und der wissenschaftlichen Mitarbeiter zu einer Interessengruppe würde den Unterschieden zwischen den Interessen der beiden Gruppen nicht gerecht. Zudem wird den Professoren kein Vetorecht zugebilligt, um eine absolute Machtentfaltung dieser Gruppe zu verhindern.

Stimmverteilung in den Gremien:

Die Professoren sollten in den Gremien ein Stimmrecht von 40 % bekommen, die wissenschaftlichen Mitarbeiter und Studenten jeweils 30 %.

Die Stimmen der Professoren werden gegenüber den anderen beiden Gruppen aus folgenden Gründen stärker gewertet. Den Professoren kommt aufgrund der Tatsache, daß sie gegenüber Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern höher qualifiziert sind (dies auch besonders nachgewiesen haben) und darüberhinaus sehr viel länger an den Hochschulen verweilen eine besondere Stellung zu. Dieser Stellung muß auch beim Stimmrecht Rechnung getragen werden, da sonst die Freiheit der Forschung, Wissenschaft und Lehre gem. Art. S Abs. 3 GG nicht mehr gewährleistet ist. Diese herausragende Stellung hat das BVerfG in BVerfGE 35,79 ff. dargelegt und begründet. Eine absolute Mehrheit der Professoren in den Gremien hält das BVerfG in dem 6:2 Urteil zwar für notwendig, jedoch legen zwei Richter des BVerfG am Ende des Urteils dar, daß diese absolute Mehrheit ihrer Meinung nach nicht notwendig sei (BVerfGE aaO.). Uns erscheint eine absolute Mehrheit einer Gruppe aus Erwägungen der Demokratie an den Hochschulen als verfehlt. Erforderlich ist die Mehrheit von zwei Dritteln der Mitglieder des jeweiligen Gremiums in Fragen der Forschung und der Berufung.

 

 

 

Anmerkung I:

Das Urteil des BVerfG aaO. bezog sich auf Westdeutschland. Zwar bezieht es sich nach der Vereinigung juristisch zweifelsfrei auch auf Ostdeutschland, jedoch ist die heutige Situation eine erheblich unterschiedliche als 1973. Würde die absolute Mehrheit, die das BVerfG als notwendig erachtet, bestehen bleiben, so würden die alten Lehrkräfte der ehemaligen DDR zumindest dann zusätzlich abgesichert, wenn ihre Qualifikationsnachweise anerkannt werden.

 

Anmerkung II:

Nach dem Beschluß Nr. 58 der BMV Frankfurt (Hochschulautonomie) bekämen die Professoren noch wesentlich mehr Macht, wenn sie die absolute Mehrheit behalten würden. Sie wären dann nicht mehr Weisungen unterworfen und könnten sich auch innerhalb der Hochschule ohne Probleme durchsetzen. Eine solche Stellung weckt Gedanken an eine Diktatur. Die Freiheit der Lehre gem. Art. 5 Abs. 3 S. I Mögl. 3 wäre auch in einem solchen Fall nicht mehr gegeben, denn der Inhalt der Lehre könnte durch eine Gruppe (Professoren) beliebig beeinflußt werden.

Durchsetzungsweg:

Die Parteien sollen durch Bundes-/Landesverbände angeregt werden, in den Landtagen dem Antrag entsprechende Gesetzesinitiative einzubringen. (Da dem Bund im Bereich der Hochschule nur die Rahmengesetzgebungskompetenz zusteht, erscheint eine Gesetzesinitiative im Bundestag wenig erfolgversprechend).

Im Falle eines Gesetzesbeschlusses folgt dem Gesetz möglicherweise eine Verfassungsbeschwerde vor dem BVerfG, die von Betroffenen (evtl. Professoren) angestrengt werden könnte. Das würde eine erneute Überprüfung durch das BVerfG mit möglicherweise anderem Ausgang nach sich ziehen.

Internationale Studiengänge

Eine Zukunftssicherung durch Wissenschaft und Forschung kann nur dann gelingen, wenn sich die Hochschulen im Hinblick auf Europa 1992 verstärkt auf die geistige und wirtschaftliche Dimension Europas einstellen.

Der Bundesverband Liberaler Hochschulgruppen fordert daher die Entwicklung gemeinsamer internationaler Studiengänge mit anderen Hochschulen, damit der Studierende die Lebens und Arbeitsumstände in dem anderen Land kennenlernen kann.

Die Vermittlung von Sprachen an den deutschen Hochschulen ist dabei ein wesentlicher Bestandteil und sollte daher verstärkt gefördert werden.

Der Bundesverband Liberaler Hochschulgruppen fordert die zuständigen Organe dazu auf, die Anerkennung im Ausland erbrachter Studienleistungen wesentlich zu vereinfachen, um so Anreize für einen Studienaufenthalt im Ausland zu schaffen. Dazu gehört auch die Ausweitung bzw. Reservierung von Studentenwohnheimplätzen für Teilnehmer an Austauschprogrammen.

Reform des Ingenieurstudiums

Der Bundesverband Liberaler Hochschulgruppen hält eine Reform des Ingenieurstudiums an wissenschaftlichen Hochschulen für notwendig.

Dabei läßt er sich von folgenden Richtlinien leiten:

  • Die wissenschaftliche Ausrichtung des Studiums an Universitäten undTechnischen Hochschulen muß stärker betont werden.
  • Die Absolventen ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge sollen sich schon während ihres Studiums mit ihrer Rolle in der Gesellschaft und der daraus resultierenden Verantwortung beschäftigen.
  • Die ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge müssen von der Überlastung durch reines Faktenwissen befreit werden.
  • Die mindestens erforderlichen Studienzeiten müssen verringert werden.

 

  1. Grundstudium

Im Grundstudium werden die Grundlagen für die Studierenden ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge vermittelt. Dabei sollen, wenn möglich, Studierende verschiedener Ingenieurwissenschaften noch gemeinsam studieren.

Zum Grundstudium gehören die Grundlagenfächer, Wissenschaftstheorie und ein Wahlpflichtfach aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich.

Die Inhalte des Grundstudiums werden vor allem in Vorlesungen vermittelt. Zu den Vorlesungen sind Übungen und Tutorien in Kleingruppen anzubieten. In den Fächern Physik, Werkstoffkunde, Chemie sind Praktika unbedingt anzubieten.

Die einzelnen Fächer sollten möglichst blockweise in einem oder zwei Semestern gelehrt werden. Da im Grundstudium der Schwerpunkt noch auf der Wissensvermittlung und weniger auf selbständigem Arbeiten liegt, ist hier eine Wochenstundenzahl (einschließlich Praktika, Übungen und Tutorien) von 30 – 32 Wochenstunden zumutbar.

Das Grundstudium dauert vier Semester. Es wird mit dem Vordiplom abgeschlossen.

 

  1. Hauptstudium

Im Hauptstudium trennen sich die verschiedenen ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge (Maschinenbau, Elektrotechnik, Verfahrenstechnik usf.) auf. Das Hauptstudium besteht aus Pflichtfächern, Hauptfächern und Nebenfächern. In den Pflichtfächern werden, ähnlich wie im Grundstudium, grundlegende Inhalte vermittelt. Diese Inhalte beziehen sich jedoch, im Gegensatz zum Grundstudium auf die jeweilige spezielle Ausrichtung. Zu den Pflichtfächern gehören z.B.

 

  • für Verfahrenstechnik: Wärme- und Stoffübertragung
  • für Chemieingenieurwesen: organische Chemie, physikalische Chemie
  • für Maschinenbau: Strömungslehre, Maschinenkunde
  • für Elektrotechnik: Schaltungstechnik, Meßtechnik.

Die Hauptfächer (mindestens drei) dienen dem Erlernen wissenschaftlichen Arbeitens. Ein Hauptfach besteht aus der Erstellung einer Studienarbeit in einem Forschungsprojekt und einem begleitenden Seminar während eines Semesters. Das Hauptstudium soll so angelegt sein, daß es in sechs bis sieben Semestern (einschließlich Diplomarbeit) absolviert werden kann.