Archiv der Kategorie: 04. Bundesmitgliederversammlung, Februar 1990 in Tübingen

Beteiligung von Studierenden an der Lehre

Um die Lehre interessanter, problembezogener und in ihrem Angebot vielfältiger zu gestalten, sollte den Studierenden ein deutlich höheres Mitspracherecht bei der Gestaltung der Lehre zukommen.

Ein Beispiel für die dazu nötigen gravierenden Maßnahmen in der Lehrorganisation kann das Berliner Modell der Projekttutorien sein, bei dem die Hochschule Tutorien und die dazugehörigen Personalstellen für Veranstaltungen bereitstellt, die von den Studierenden selbst initiiert und durchgeführt werden.

Die wissenschaftliche Qualität der Projekttutorien wird durch die ständige fachliche Begutachtung durch einen Hochschullehrer und eine jährliche Berichtspflicht gegenüber dem akademischen Senat gewährleistet.

Der LHG G fordert dazu auf, an allen Hochschulen, wo dies sinnvoll möglich ist, den Studierenden die Möglichkeit zu Eigeninitiative bei der Ausgestaltung des Lehrangebots der Hochschule zu eröffnen und Projekttutorienprogramme einzurichten.

Der LHG G ist davon überzeugt, daß dieser praktische Schritt weit schneller „Studienreformen“ einleiten könnte als die administrativen Ansätze zum Beispiel per Studienreformkommission.

Studieren mit Kind

Der LHG fordert Länder und Kommunen auf, die dringend benötigten, ca. 22.000 Plätze in Kinderbetreuungseinrichtungen an Hochschulen (Kinderkrippenplätze), die nicht zu Lasten studentischen Wohnraumes gehen dürfen, zu schaffen, wobei eine Zusammenarbeit mit Hochschulorganen und Studentenwerken vor Ort anzustreben ist. Ferner ist in Neubauprogrammen für Studentenwohnheime den Bedürfnisse Studierender mit Kindern Rechnung zu tragen. Zudem werden Land und Kommunen aufgefordert, Privatinitiativen zur Betreuung von Kleinkindern nicht durch übermäßige bürokratische Auflagen zu behindern, sondern diese Eigenhilfe zu unterstützen.

Steuerreform

Der Bundesverband Liberaler Hochschulgruppen wendet sich gegen Bestrebungen, das Steueraufkommen in der Bundesrepublik Deutschland durch Absenkung der direkten Steuern und Anhebung der Mehrwertsteuer umzuschichten.

Gerade für Bevölkerungsgruppen, die wenig oder kein zu versteuerndes Einkommen beziehen, zu indirekten Abgaben wie etwa Verbrauchsteuern aber ebenso herangezogen werden wie andere, bedeuten solche Umschichtungen eine sozialpolitisch unvertretbare Belastung. Dies gilt umso mehr, als solche Gruppen – hierzu gehören nicht zuletzt die Studierenden und Hochschulabsolventen vor Eintritt in ein Beschäftigungsverhältnis – in der Regel ohnehin nicht zu den finanzstarken Schichten unserer Gesellschaft gehören.

Der LHG hält es weder für praktikabel noch für sozial angemessen, solche steuerlichen, also globalen Verschlechterungen durch sektorale Maßnahmen wie etwa eine höhere Ausbildungsförderung ausgleichen zu wollen: In seiner großen Mehrheit könnte der angesprochene Personenkreis durch solche Maßnahmen von vornherein nicht entlastet werden.

Ranking

Der LHG hält die derzeit vorhandenen Informationsmöglichkeiten für Studierende über Qualität und Attraktivität von Hochschulen für völlig unzureichend. Jüngste Versuche, vergleichende Darstellungen von Hochschulen zu veröffentlichen, sind von daher zu begrüßen.

Abzulehnen ist hingegen die oft zu beobachtende Fixierung von Hochschulvergleichen allein auf die Qualität der Forschung; insofern ist der Ansatz der Hochschulrangliste des ‚SPIEGEL‘ zu begrüßen, da er sich sogar ausschließlich auf Qualitätsmerkmale der Lehre bezieht, obwohl die ‚SPIEGEL‘-Umfrage zahlreiche methodische Mängel aufweist (insbesondere hinsichtlich der Zahl der Befragten).

Grundsätzlich müssen nach Ansicht des LHG bei jedem Versuch eines Hochschul-Rankings bestimmte Mindestkriterien erfüllt sein. Hierzu gehört, daß Leistungsvergleiche nur fachspezifisch erfolgen dürfen, weil für einen disziplinübergreifenden Vergleich keine handhabbaren Maßstäbe gefunden werden können. Ranglisten für ganze Hochschulen sind daher ebenso abzulehnen wie Ranglisten innerhalb einer Hochschule.

Für eine Leistungsbewertung in der Lehre muß in jedem Fall auf eine Befragung der Studierenden (z.B. über formalisierte Fragebögen) zurückgegriffen werden. Daneben kann eine Befragung ehemaliger Absolventen und deren Arbeitgeber treten, ebenso ist eine Karriereforschung für Absolventen denkbar.

Neben den in der ‘SPIEGEL’-Umfrage genutzten Kriterien zur Bewertung der äußeren Bedingungen des Lehrbetriebs sollten fachspezifische Qualitätsmerkmale berücksichtigt werden.

Insgesamt aber dürfen die Erwartungen an die Präzision von Ranking-Listen nicht übersteigert werden, zumal eine völlige Objektivierung des Rankings nicht möglich ist. Deshalb ist anstelle einer nummernmäßigen Auflistung auch eher ein Ranking in bestimmte Leistungsstufen vorzusehen. Im übrigen wird es stets weniger aussagekräftig sein, ob eine Universität auf Platz x oder x+1 liegt; sehr aussagekräftig wäre es aber in aller Regel, wenn eine Universität innerhalb weniger Jahre um viele Plätze ansteigt oder absinkt. Deshalb sind periodische Wiederholungen des Rankings unverzichtbar.

Der LHG fordert eine Erstellung und Veröffentlichung von Einzelkriterien (z.B. Studierenden Lehrendenanzahl, finanzielle Mittel, repräsentative Umfragen) um eine größere Vergleichbarkeit der Universitäten zu ermöglichen. Ein Zusammenfassen der Kriterien zu einer Gesamtnote wir abgelehnt, da ein umstrittener Schlüssel der erhofften Transparenz entgegenwirkt.

Der LHG hält es schließlich für wünschenswert, wenn Leistungsvergleiche in der Lehre nicht folgenlos blieben, sondern Konsequenzen hätten, die einen Anreiz für gute Lehrleistungen bieten. Es ist zu prüfen, welche Formen solche Konsequenzen haben können.

Der Bundesvorstand möge einen Arbeitskreis einsetzen, der offene Detailfragen, wie z.B. die der Faktoren zur Bewertung oder der Konsequenzen für die Dozenten – für die nächste Bundesmitgliederversammlung als Folgeantrag aufarbeiten soll.

Lehramtsstudiengänge

Der LHG fordert eine bundesweite Anerkennung der Lehramtsabschlüsse. Absolventen wissenschaftlicher Studiengänge sollten die Möglichkeit erhalten, anders als bisher keine zusätzliche fachliche Prüfung mehr ablegen zu müssen, um den Lehrerberuf ergreifen zu können. Die Notwendigkeit einer umfassenden zusätzlichen pädagogischen Ausbildung dieses Personenkreises bleibt davon unberührt.

Umbau von Kasernen zu Studentenwohnheimen

Im Zuge der politischen Entspannung in Europa und im Rahmen der allgemeinen Abrüstungsverhandlungen sowie insbesondere im Hinblick auf die bereits erfolgten Kürzungen im Verteidigungsetat der USA ist in nächster Zeit mit einem zumindest teilweisen Rückzug der Streitkräfte aus Europa zu rechnen.

Dadurch werden Wohnräume frei, die dringend benötigt werden.

Der Bundesverband Liberaler Hochschulgruppen setzt sich dafür ein, daß die verantwortlichen Stellen schon jetzt prüfen, inwieweit die oben genannten Veränderungen zur Verbesserung der Wohnsituation in Planungen miteinzubeziehen sind.

Dies wäre zum Beispiel möglich, indem bei Verhandlungen mit den USA über den Truppenabzug darauf hingewirkt wird, daß Truppen aus Gebieten mit großer Wohnungsnot zuerst abgezogen werden. Für ein solches Verfahren spricht auch, daß in der Regel die Ballungszentren infrastrukturell nicht so stark von Stationierungsstreitkräften abhängig sind.

Insbesondere Kasernenbauten könnten schnell und im Vergleich zu Neubauten kostengünstig zu Studentenwohnheimen umfunktioniert werden.

Graduiertenkollegs

Angesichts der Vereinbarungen des Bildungsgipfels im Dezember 1989 zur Förderung von Graduiertenkollegs erneuert der LHG seine Kritik an Graduiertenkollegs und bekräftigt seine Ablehnung dieser Einrichtungen.

Die genannten Vereinbarung benennt als Ziel die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch Beteiligung an der Forschung. Dies kann sehr viel besser durch die Förderung von Forschungsprojekten im Rahmen der normalen Hochschularbeit erreicht werden. Dabei können auch Studierende eingebunden und der Bezug zur Lehre hergestellt werden, eine Bedingung, die von Graduiertenkollegs nicht erfüllt wird.

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses beginnt im Studium, sie kann nicht in einem nach dem Studium stattfindenden „Forschungsstudium“ erreicht werden.

Das Bundesbildungsministerium sieht in den Graduiertenkollegs einen wichtigen Schritt zur Einrichtung eines solches Forschungsstudiums nach einem Hockschulexamen. Es bestätigt damit die bereits geäußerten Befürchtungen des LHG: Graduiertenkollegs bedeuten die Trennung zwischen der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses, also der vertieften wissenschaftlichen Ausbildung, und den anderen Teilen des Studiums.

Am Ende dieser Entwicklung steht ein 2-Stufen-Modell des Studiums: Einerseits eine verschulte Kurzausbildung mit berufsqualifizierendem Abschluß, andererseits eine darauf aufbauende getrennte wissenschaftliche Ausbildung, die diesen Namen nicht verdient, da sie die Defizite des Grundstudiums nicht mehr ausgleichen kann.

Dieses Ziel der Einrichtung von Graduiertenkollegs, die Ersetzung des wissenschaftlich ausgerichteten Studium durch ein 2-Stufen-Modell mit berufsqualifizierender Ausbildung und anschließendem Forschungsstudium, nennt die Vereinbarung zwischen Bund und Länder „Neuordnung des Studiums“. Eine solche Neuordnung lehnt der LHG entschieden ab. Sie widerspricht unseren Ansprüchen an ein Studium mit wissenschaftlichen Anspruch und der Einheit von Forschung und Lehre.

Nach Ablauf der Mindestgeltungsdauer der Vereinbarung zwischen Bund und Ländern im Jahre 1995 muß eine umfassende Erfolgskontrolle stattfinden. An dieser Erfolgskontrolle müssen neben dem Wissenschaftsrat, der selbst die Gründung der Graduiertenkollegs angeregt hat, auch Vertreter der Studierenden und des wissenschaftlichen Nachwuchs beteiligt sein.

Kriterium zur Erfolgskontrolle darf nicht nur eine Verkürzung der Promotionszeiten sein. Die Auswirkung der Einrichtung von Graduiertenkollegs auf Studium, Lehre und andere Forschungsaktivitäten der betreffenden Universitäten ist ebenfalls zu prüfen.

Bund und Länder bleiben aufgefordert, andere Wege zur dringend nötigen Verkürzung der Promotionszeiten zu entwickeln.